Ein Fußballverein funktioniert nicht, weil am Wochenende elf Spieler auf dem Platz stehen.
Er funktioniert, weil im Hintergrund jede Woche hunderte kleine und große Aufgaben erledigt werden.
Trainer planen Einheiten. Betreuer organisieren Mannschaften. Plätze werden gepflegt. Spiele werden vorbereitet. Mitglieder verwaltet. Rechnungen bezahlt. Sponsoren betreut. Veranstaltungen organisiert. Website, Social Media und Videos produziert.
Vieles davon sieht niemand.
Und genau darin liegt eine der größten Herausforderungen im Vereinsmanagement:
Ehrenamtliche Arbeit wird häufig erst dann sichtbar, wenn sie fehlt.
Eine realistische Größenordnung
Bei einem regionalen Fußballverein mit rund 600 Mitgliedern und etwa elf Mannschaften kann der ehrenamtliche Gesamtaufwand schnell bei ungefähr
10.000 bis 14.000 Stunden pro Jahr
liegen.
Ein realistischer Mittelwert sind rund 12.000 Stunden jährlich.
Das bedeutet ungefähr:
- 1.000 Stunden pro Monat
- 230 Stunden pro Woche
- ein Arbeitsvolumen von etwa sechs bis sieben Vollzeitstellen
Natürlich ist das keine minutengenaue Zeiterfassung. Niemand stoppt jedes Telefonat, jede Fahrt zum Sportplatz oder jede kurzfristige Problemlösung.
Aber als realistische Hochrechnung zeigt diese Größenordnung sehr deutlich, was hinter einem funktionierenden Amateurverein steckt.
Der größte Block: Trainer und Mannschaftsbetrieb
Der Sportbetrieb verursacht naturgemäß einen erheblichen Teil dieses Aufwands.
Bei elf Mannschaften kommen für Trainer, Co-Trainer und unmittelbare Mannschaftsorganisation schnell 3.500 bis 4.500 Stunden im Jahr zusammen.
Denn Trainerarbeit besteht nicht nur aus zwei Trainingseinheiten und einem Spiel.
Dazu gehören:
- Trainingsplanung
- Vorbereitung
- Kaderorganisation
- Spielerkommunikation
- Elternkommunikation
- Spieltage
- Turniere
- Fahrten
- Nachbereitung
- kurzfristige Änderungen
Gerade im Nachwuchsbereich übernehmen Trainer oft deutlich mehr Aufgaben, als Außenstehende wahrnehmen.
Die unsichtbaren Stunden
Ein zweiter großer Block liegt in der Organisation.
Passwesen.
Spielverlegungen.
Platzbelegung.
Schiedsrichterkommunikation.
Finanzen.
Mitgliederverwaltung.
Gebäude.
Technik.
Kasse.
Veranstaltungen.
Sponsoring.
Diese Tätigkeiten sind selten spektakulär.
Aber genau sie entscheiden darüber, ob ein Verein zuverlässig funktioniert.
Das Interessante daran:
Je besser diese Arbeit erledigt wird, desto weniger fällt sie auf.
Wenn eine Spielberechtigung rechtzeitig vorliegt, denkt niemand darüber nach.
Wenn der Platz vorbereitet ist, wird es als selbstverständlich angesehen.
Wenn ein Spiel kurzfristig verlegt werden muss und trotzdem alles funktioniert, sieht kaum jemand die Telefonate und Nachrichten dahinter.
Vereinsarbeit ist heute auch digital
Ein Bereich ist in den vergangenen Jahren besonders stark gewachsen:
die digitale Vereinskommunikation.
Website, Facebook, Instagram, YouTube, Fotos, Grafiken und Videos sind heute für viele Vereine längst keine Zusatzaufgabe mehr.
Sie entscheiden mit über:
- öffentliche Wahrnehmung
- Mitgliedergewinnung
- Nachwuchsgewinnung
- Sponsorenwert
- Veranstaltungsreichweite
- Vereinsimage
Bei einer professionell gepflegten digitalen Kommunikation können allein dafür schnell 15 bis 18 Stunden pro Woche entstehen.
Damit ist auch dieser Bereich längst ein eigenständiger Teil moderner Vereinsarbeit.
Was wäre Ehrenamt wirtschaftlich wert?
Ehrenamt lässt sich nicht einfach in Euro umrechnen.
Trotzdem ist eine wirtschaftliche Betrachtung hilfreich, um die Dimension sichtbar zu machen.
Nimmt man für die unterschiedlichen Tätigkeiten einen gemischten professionellen Ersatzwert von ungefähr 25 bis 35 Euro pro Stunde, ergibt sich bei 12.000 Stunden ein theoretischer Gegenwert von etwa:
300.000 bis 420.000 Euro pro Jahr
Bei höherem Arbeitsvolumen kann die Größenordnung noch darüber liegen.
Wichtig:
Das ist keine tatsächliche Einsparung und kein Betrag, den ein Verein automatisch bezahlen müsste.
Es ist ein Wiederbeschaffungswert.
Die Frage lautet also:
Was würde es ungefähr kosten, wenn diese Leistungen nicht freiwillig erbracht würden?
Und genau dabei wird sichtbar, welchen wirtschaftlichen Wert Ehrenamt für den Sport besitzt.
Das eigentliche Problem ist nicht die Gesamtzahl
12.000 Stunden sind beeindruckend.
Aber für das Vereinsmanagement ist eine andere Frage noch wichtiger:
Wie verteilen sich diese Stunden?
Denn ein Verein kann auf dem Papier viele Ehrenamtliche haben und trotzdem strukturell gefährdet sein.
Dann nämlich, wenn:
- wenige Personen einen Großteil der Arbeit übernehmen,
- wichtiges Wissen nur bei einer Person liegt,
- Aufgaben nicht dokumentiert sind,
- Nachfolger fehlen,
- immer dieselben Helfer einspringen.
Die Gesamtzahl allein sagt deshalb wenig über die Gesundheit eines Vereins aus.
Entscheidend ist die Verteilung der Verantwortung.
Ehrenamt neu denken
Viele Vereine suchen noch immer nach Menschen, die komplette Ämter übernehmen.
„Wer wird Jugendleiter?“
„Wer übernimmt die Veranstaltungen?“
„Wer macht Social Media?“
Genau das schreckt häufig ab.
Vielleicht muss die Frage heute anders lauten:
Welche kleine Aufgabe kannst und möchtest du übernehmen?
Denn nicht jeder kann zehn Stunden pro Woche investieren.
Aber viele könnten:
- zwei Stunden im Monat helfen,
- einen Heimspieltag übernehmen,
- einmal im Monat fotografieren,
- einen bestimmten Verwaltungsbereich betreuen,
- ein Turnier unterstützen,
- Fahrten koordinieren,
- Sponsorenkontakte pflegen.
Wenn Verantwortung kleiner und klarer wird, steigt die Chance, neue Ehrenamtliche zu gewinnen.
Vom Ehrenamt zum professionellen Vereinsmanagement
Professionelles Vereinsmanagement bedeutet deshalb nicht, alles hauptamtlich zu machen.
Es bedeutet:
- Aufgaben sichtbar machen
- Zeitaufwand realistisch einschätzen
- Verantwortlichkeiten definieren
- Wissen dokumentieren
- Aufgaben verteilen
- Menschen nicht dauerhaft überlasten
Gerade mittelgroße Amateurvereine bewegen sich organisatorisch inzwischen häufig auf dem Niveau eines kleinen Unternehmens.
Mit einem großen Unterschied:
Ein erheblicher Teil der Arbeit wird freiwillig erledigt.
Fazit
Ein funktionierender Amateurverein ist das Ergebnis tausender Stunden Arbeit.
Trainer, Betreuer, Vorstände, Eltern, Platzhelfer, Organisatoren, Medienverantwortliche und viele weitere tragen dazu bei.
12.000 Stunden Ehrenamt im Jahr sind deshalb keine abstrakte Zahl.
Sie zeigen, wie wertvoll freiwillige Vereinsarbeit ist.
Und sie zeigen gleichzeitig, warum Vereine ihre Strukturen weiterentwickeln müssen.
Denn Ehrenamt bleibt nur dann dauerhaft stark, wenn Verantwortung nicht auf wenigen Schultern liegt.
Meine wichtigste Empfehlung an Vereine:
Erfasst einmal grob, welche Aufgaben bei euch tatsächlich anfallen und wer sie erledigt.
Das Ergebnis dürfte viele Vorstandschaften überraschen.
Und vielleicht ist genau diese Transparenz der erste Schritt zu einer besseren Verteilung der Arbeit.


