Wirtz und die Super-Bubis: Nur wenige wurden Stars

Wirtz und die Super-Bubis: Nur wenige wurden Stars

14. Juni 2020 Spordbild 0

Ballannahme mit rechts, kurze Körpertäuschung, Abschluss mit links. Wie ein alter Hase düpierte Florian Wirtz in seinem vierten Bundesligaspiel gestandene Nationalspieler wie Manuel Neuer und Joshua Kimmich und erzielte vergangenen Samstag gegen die Bayern sein erstes Bundesligator.

Im Alter von 17 Jahren und 24 Tagen – jünger war noch keiner als der Leverkusener. Schon vor seinem Traumtor hatte ihm die Fachpresse Sonderseiten gewidmet, denn alle sind sich einig: das wird mal einer.

Für Deutschland hat er im Juniorenbereich zehnmal gespielt, die Bayern machten ihm und seinem Vater bereits ein Angebot. Kommt da der nächste Havertz? Mal abwarten. Es wäre Wirtz und dem deutschen Fußball zu wünschen, droht doch angeblich der Nachschub an DFB-Talenten zu verebben. Dass der “Wunder-Bubi” (Sport Bild) einer wird, ist natürlich nicht gesagt.

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Vor ihm gab es schon viele, die als Minderjährige in die Bundesliga kamen und Rekorde aufstellten. Manche erfüllten die Erwartungen, manche sind längst vergessen.

Eine SPORT1-Übersicht:

Der erste 17-Jährige der Bundesliga war ein gewisser Rüdiger Abramczik, der bei Schalke 04 genau 191 Tage vor seinem 18. Geburtstag am 1. Spieltag der Saison 1973/74 zum Einsatz kam. Einer von 14 in jener Saison, in der er auch den Juniorenrekord für einen Torschützen (17/328) aufstellte.

War Abramczik besser als Libuda?

Manche sahen in ihm den neuen Libuda. Er selbst, das ehrt ihn, nicht: “Stan war im Dribbling viel, viel besser. Er konnte die Verteidiger richtig verarschen.” Aber auch “Abi” schlug Haken und Flanken, dass es eine Freude war. Davon profitierte besonders Mittelstürmer Klaus Fischer. Das Schalker Sturmduo harmonierte sogar kurzzeitig in der Nationalmannschaft, Fischers “Tor des Jahrhunderts” 1977 gegen die Schweiz fiel nach Abramczik-Flanke per Fallrückzieher.

Ob Abramczik die hoch gesteckten Erwartungen erfüllt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite stehen immerhin 316 Bundesligaspiele (77 Tore) und 19 Länderspiele und die Teilnahme an der WM 1978. Auf der anderen Seite galt er als schlampiges Genie, das nicht bereit war sich zu quälen und dem es an Respekt fehlte.

Bezeichnend dass seine Länderspielkarriere schon mit 23 endete. Nach einem Disput mit DFB-Präsident Hermann Neuberger, den er “ahnungslos” nannte, wurde er nicht mehr eingeladen. Und verdiente es auch bald nicht mehr. Im besten Fußballeralter spielte er 2. Liga (Oberhausen), 1987 kehrte er zu Schalke als Libero (!) zurück, kickte nur noch viermal mit und stieg ab. Da war mehr drin, Abi!

1976 wurde er seinen Rekord los, als Eintracht Frankfurt in höchster Personalnot den A-Jugend-Torwart Jürgen “Fuzzy” Friedl einsetzte. Der war 17 Jahre und 26 Tage und hätte gar nicht spielen dürfen, da er auch noch dem jüngeren A-Jugend-Jahrgang angehörte und keine Spielgenehmigung erteilt worden war. Ihm war ohnehin keine Weltklassekarriere prophezeit worden, so dass seine Bilanz von drei Spielen in vier Jahren niemanden verblüffte.

Aber es dauerte 19 Jahre, bis die nächsten Rekordbubis kamen. Beide aus Dortmund. Borussia hatte 1994 arge Personalprobleme im Sturm, Kalle Riedle und Stephane Chapuisat erlitten Kreuzbandrisse, und so ging Trainer Ottmar Hitzfeld in der A-Jugend auf die Suche nach Notlösungen. Dort fand er im März einen gewissen Lars Ricken, der sich prompt einfügte und schon im zweiten Spiel Abramcziks Torrekord brach – mit 17 Jahren und 244 Tagen.

Dortmunds Rekord-Youngster lösen sich ab

Der Kicker kürte ihn sofort zum “Mann des Tages” und Hitzfeld betonte, er mache sich wenig Sorgen, dass Ricken nun abhebe, denn “er ist sehr bescheiden und hat ein gutes Elternhaus”. Ricken brachte es zum 16-maligen Nationalspieler, entschied das Champions League-Finale 1997 mit einem legendären Lupfer, verließ den BVB nie und wurde in 15 Bundesligajahren (301 Spiele/49 Tore) dreimal Meister.

Bei einem großen Turnier aber spielte er nie, 2002 war er immerhin Reservist des Vize-Weltmeisters. Gemessen am Trubel um den “Bomber von der Schulbank”, auf den sich die Sponsoren wie die Haifische stürzten, kam vielleicht doch etwas zu wenig heraus.

Ohne Einschränkung gilt das für Ibrahim Tanko, ebenfalls aus dem Dortmunder Talentschuppen. Hitzfeld brachte ihn im September 1994 erstmals in der Bundesliga, deren jüngster Feldspieler er damals wurde (17/61). Noch mit 17 schoss er 1995 auch sein erstes Tor. Mit Ricken bildete er den “Baby-Sturm” im Kampf um die Meisterschaft 1995, zu deren Gewinn er mit 14 Einsätzen beitrug.

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Das blieb sein Rekordwert in sieben Jahren BVB. Schon 1995/96 standen nur drei Einsätze zu Buche, die Konkurrenz war einfach zu stark. Dem zierlichen Ghanaer fehlte es einfach an Durchsetzungskraft. Im Winter 2000 wechselte er zum SC Freiburg, wo er zwei Abstiege miterlebte. Die Profikarriere endete mit 29 in der 2. Liga.

Jünger als Tanko waren nur noch zwei Spieler. Den Rekord holte sich Nuri Sahin, wieder ein Dortmunder. Den technisch beschlagenen, aber immer etwas zu langsamen Deutsch-Türken brachte Trainer Bert van Marwijk zum Start der Saison 2005/06 ausgerechnet im Revierderby auf Schalke (2:2). Sahin ging damit als erster 16-Jähriger in die Bundesligageschichte ein, 30 Tage vor seinem 17. Geburtstag.

Sahins Karriereknick bei Real Madrid

Ihm wurde eine Riesenkarriere prophezeit, erst recht als er sich am 26. November 2005 in Nürnberg auch den Rekord als jüngster Torschütze schnappte. Er löste Mitspieler Ricken ab und kam noch in derselben Saison zu seinem Länderspieldebüt für die Türkei. Dass er nach seinem Premierentor für die Medien nicht greifbar war, kommentierte BVB-Pressechef Josef Schneck so: “Er liegt in der Badewanne und macht sich Gedanken über den nächsten Gegner.” Sollte heißen: er nimmt sich nicht so wichtig und denkt ans große Ganze. Das hat man ihm immer nachgesagt.

Der stets freundliche und bescheidene Sahin machte seinen Weg und ging nach der Meisterschaft 2011 unter Klopp für 20 Millionen sogar zu Real Madrid. Das war der Karriereknick! Nach nur vier Einsätzen (126 Minuten) in einem halben Jahr wechselte er 2012 für immer noch 15 Millionen Euro nach Liverpool, wo er 2012/13 auch nur siebenmal spielte. Reumütig kehrte er zu Klopp zurück, nun kostete er nur noch zwölf Millionen.

Aber er durfte 2013/14 in jedem Spiel dabei sein. Es war sein letztes Jahr als Stammspieler, eine Verletzung jagte die andere. Immer wieder fehlte er wegen einer Sehnenreizung, das Knie musste operiert werden und machte trotzdem weiter Probleme. Und die Konkurrenz wurde immer stärker.

Nach 37 Einsätzen in vier Jahren war es im August 2018 Zeit zu gehen, Werder Bremen verhieß mehr Spielpraxis. Ein Irrtum. Im Endspurt um den Klassenerhalt spielt der Mittelfeldlenker keine Rolle mehr. Sahin hat bei großen Vereinen gespielt, die hofften, dass nach seinem Traumstart noch eine Steigerung käme. Aber seine besten Tage hatte er, als er ein Superbubi war.

Herthas Rekord-Youngster längst vergessen

Der andere 16-Jährige beim Debüt ist Yann Aurel Bisseck, vom 1. FC Köln in der Abstiegssaison 2017/18 ins Feuer geworfen. Der dunkelhäutige Verteidiger mit deutschem Pass wurde nach drei Einsätzen in die Regionalligaelf zurückversetzt, sammelte 2018/19 bei Holstein Kiel etwas Zweitligaerfahrung (drei Spiele) und ist jetzt an Roda Kerkrade verliehen. Ein Raketenstart sieht anders aus, aber vielleicht ist es besser so für eine passable Karriere, die so manchem Superbubi verheißen wurde.

Man denke nur an Jann-Fiete Arp, seit 2018 jüngster HSV-Torschütze (17/295) und Titelheld der Fachpresse. Sein HSV stieg trotzdem ab, er ging mit in die 2. Liga, obwohl ihn die Bayern schon 2018 wollten. Im Unterhaus blieb der Stürmer torlos, jetzt müht er sich in der 3. Liga in Bayerns Talentschuppen. Für ihn war der Trubel eindeutig zu viel.

Und erinnert sich noch jemand an Lennart Hartmann, mit 17 Jahren und 136 Tagen seit 2008 jüngster Bundesligaspieler von Hertha BSC? Er kam auf drei Bundesligaspiele, wechselte zu Zweitligist Alemannia Aachen und spielte dort nie. Das war’s dann mit der Profikarriere.

https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/06/florian-wirtz-und-die-super-bubis-was-aus-abramczik-ricken-und-co-wurde

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