Wettbewerbsverzerrung oder Fair Play? So krass ging es zu

Wettbewerbsverzerrung oder Fair Play? So krass ging es zu

27. Juni 2020 Spordbild 0

Von Wettbewerbsverzerrung war in dieser besonderen Saison schon öfter die Rede. Wie kann man auch angesichts von Corona von einem fairen Wettbewerb sprechen, wenn etwa in verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Hygieneregeln zu unterschiedlichen Trainingsmöglichkeiten führen?

Auch differiert die Anzahl der Heimspiele vor Zuschauern – die eine Hälfte der Liga hatte 13, die andere 12. Umso wichtiger, dass es auf dem Platz sportlich fair zugeht und jeder alles gibt. Doch gegen Saisonende verschieben sich nicht selten die Prioritäten und nicht jeder trifft auf Gegner, die noch “Bock” haben.

Wer sein Ziel erreicht oder längst verfehlt hat, lässt es schon mal lockerer angehen – allen Beteuerungen zum Trotz. Das führt dazu, dass Entscheidungen immer wieder von Mannschaften abhängig sind, die gedanklich schon im Urlaub weilen. Vor dem letzten Spieltag ist das zum Beispiel die Sorge der Abstiegskandidaten Werder Bremen und Fortuna Düsseldorf.

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Werder setzt auf Schützenhilfe von Union Berlin, das gerade 0:4 in Hoffenheim unterging, Fortuna auf den rheinischen Nachbarn 1. FC Köln (neun Spiele sieglos). FC-Sportdirektor Horst Heldt hat schon mal vorgebaut und betont: “Wir sind es der Liga und dem Wettbewerb schuldig. Wir schenken gegen Werder nichts ab.”

Kann man glauben, muss man aber nicht.

Eine SPORT1-Übersicht über die besonders krassen Fälle von Fair Play und unterlassener Hilfeleistung.

Die Meistermacher – Positivbeispiele

Weit oben im Ranking steht die kleine Spielvereinigung Unterhaching, die sich in ihrem ersten Bundesligajahr 1999/2000 frühzeitig rettete und am 34. Spieltag den Meister machen durfte. Tabellenführer Bayer Leverkusen kam in den Sportpark und brauchte nur noch einen Punkt. Verfolger Bayern war in fast aussichtsloser Position, spielte aber wieder mal die Psychokarte.

Stefan Effenberg übertrieb im kicker nur ein bisschen: “Unterhaching ist die beste Mannschaft der Bundesliga.” Der Nachbar aus der Münchner Vorortgemeinde hörte es gern, auch wenn Trainer Lorenz-Günther Köstner betonte: “Leverkusen wird zu 99,9 Prozent Meister. Für uns geht es um einen vernünftigen Saisonabschluss.” Das Ziel wurde weit übertroffen. Haching gewann – auch dank Michael Ballacks berühmten Eigentors – mit 2:0 und machte die Bayern (3:1 gegen Werder) zum Meister. Die luden ihre Retter spontan zur Meisterfeier ein.

Schalke 04 meinte es nicht so gut mit den Bayern und verdarb ihnen 1993 (3:3) und 1996 (2:1) jeweils im letzten Heimspiel die Meisterschaft. Nur aus Spaß an der Schadenfreud‘. Dass das im zweiten Falle sogar Erzfeind Borussia Dortmund nutzte, nahmen die Knappen hin. Ausnahmsweise. Gedankt wurde es ihnen nicht, 2007 gewann der im Mittelfeld dümpelnde BVB das Derby gegen Tabellenführer Schalke mit 2:0 (33. Spieltag).

Allerdings: Wer behauptet, es gehe im Derbys um nichts, hat vom Fußball keine Ahnung. An jenem Tag ging das Plakat mit dem Aufspruch “Nur gucken, nicht anfassen” und die Fußballwelt. Zu sehen die Meisterschale, gemalt von schadenfrohen BVB-Fans.

Beim MSV Duisburg spielten die Bayern nie gern. 1971 mussten sie am letzten Spieltag dorthin, hatten ein Tor Vorsprung vor Gladbach. Der MSV war Neunter, aber heiß wie Frittenfett. Zumal sich auch Fans aus dem nahen Mönchengladbach ins Wedau-Stadion ins Publikum mischten und den MSV anfeuerten.

Die Bayern wurden schon beim Einlaufen ausgebuht, Beckenbauer bei jedem Ballkontakt. Auch auf dem Platz ging es so rau zu, dass Bayern-Keeper Sepp Maier ausnahmsweise ausgewechselt werden musste. “Südamerika-Fußball in der Bundesliga” , titelte der Münchner Merkur und meinte das nicht als Lob. Duisburg wollte den Sieg um jeden Preis und gewann 2:0, Nachbar Borussia (4:1 in Frankfurt) wurde Meister. Auch 1998 (0:0) verspielten die Bayern in Duisburg die Meisterschaft, allerdings war es nicht ganz so dramatisch.

1974 wurde die Borussia ihrerseits Opfer eines ehrgeizigen Gegners. Nachbarschaftshilfe bekam sie jedenfalls nicht am 33. Spieltag bei Fortuna Düsseldorf und unterlag mit 0:1. Nun sagten die Bayern “Danke!”

Noch zwei bemerkenswerte Fälle spielte im Westen. 1980 empfing der gerade gerettete Aufsteiger Bayer Leverkusen Meister und Tabellenführer HSV und schlug diesen mit 2:0. Von der Sensation profitierten die Bayern, die sich um zwei Punkte absetzten und eine Woche später den Titel einfuhren. 1997 wurden die Leverkusener selbst ein Fair-Play-Opfer, Nachbar 1. FC Köln gönnte ihnen den Titel kein bisschen und schoss sie – zur Freude der Bayern – 4:0 ab.

Letztlich nicht geglückt war die Schützenhilfe des HSV, der am 19. Mai 2001 als Dreizehnter die Bayern empfing. Im wohl berühmtesten Finish der Ligahistorie köpfte Sergej Barbarez in der 90. Minute das 1:0 und Schalke auf Platz 1 der Blitztabelle. Dessen Manager Andreas Müller trug demonstrativ ein HSV-Trikot und vollführte mit den 60.000 im Parkstadion Freudentänze, als Patrick Andersson noch sein berühmtes Freistoßtor machte. Aber kein Vorwurf an den HSV!

Die Meistermacher – Negativbeispiele

An erster Stelle müsste eigentlich Borussia Dortmund stehen, das 1978 seinen Teil dazu beitrug, dass Mönchengladbach noch zehn Tore auf Köln aufholte. Der BVB spielte jämmerlich und verlor am 34. Spieltag (in Düsseldorf) mit 0:12. Trotzdem zu niedrig, da Köln in Hamburg 5:0 gewann – bei Absteiger St. Pauli. BVB-Trainer Otto Rehhagel flog raus, die Spieler bekamen eine Geldstrafe und der DFB ermittelte wegen Sportbetrugs. Kam nichts dabei heraus, Betrug am Zuschauer war es allemal. Nur gut, dass Köln trotzdem Meister wurde.

Dagegen verhalf ein lustloser HSV Werder Bremen gleich zweimal zur Meisterschaft. 1993 am 33. Spieltag (5:0) und 2004 am 31. Spieltag (6:0) ließen die Hamburger die Seele baumeln und Reservisten spielen, obwohl sich die Fanlager beider Klubs nicht sonderlich grün sind. Betroffen waren wieder mal die Bayern, der damalige Vize Karl-Heinz Rummenigge zeterte 1993 über die “miese norddeutsche Provinzposse”. 2004 hätte es Werder vielleicht auch ohne den HSV geschafft, 1993 aber zählte jedes Tor.

Aber die Bayern profitierten auch von Lustlosgegnern – im Fernduell mit Werder. 1986 brauchten sie am letzten Spieltag einen Heimsieg gegen Gladbach und bekamen ihn: 6:0! Werder hatte einen Gegner von anderem Format und verlor in Stuttgart. Für den VfB ging es noch um den UEFA-Cup-Platz ging. Das Torverhältnis sprach letztlich für die Bayern, und Gladbachs Trainer Jupp Heynckes stammelte: “Ich weiß nicht, wie einige Spieler die berechtigten Vorwürfe aus Bremen jetzt entkräften wollen.”

2009 wiederum hätten sich die Bayern etwas mehr Einsatz von Werder gewünscht, das im letzten Spiel beim entfesselten VfL Wolfsburg mit 1:5 unterging, so dass die Niedersachsen erstmals Meister wurden.

Schützenhilfe im Abstiegskampf:

Kaum zu glauben, dass man Tasmania Berlin einmal loben kann in einem historischen Text. Der Prügelknabe der Bundesliga steht sonst für Negativrekorde aller Art, aber sein zweiter und letzter Sieg am 33. Spieltag 1965/66 riss Borussia Neunkirchen mit runter. Sehr zur Freude des Karlsruher SC. Sogar ein Bestechungsangebot der Borussen in der Halbzeit (500 DM pro Kopf) lehnte Tasmania ab.

Bravo! Das gilt auch für diese Klubs:

1973 rettete Fortuna Düsseldorf Hannover 96 vor dem Abstieg, indem sie selbstlos mit 2:1 in Braunschweig gewann.

1976 riss Absteiger Kickers Offenbach dann Hannover mit runter und feierte seinen höchsten Saisonsieg (4:0), als es nichts mehr nutzte.

1981 feierte der Karlsruher SC gegen 1860 München ein regelrechtes Schützenfest (7:2), so dass Arminia Bielefeld noch an den Löwen vorbeizog.  

1998 nahm Arminia den 1. FC Köln mit runter, ausgerechnet der Ex-Kölner Uwe Fuchs machte beide Tore zum 2:1 und wurde anschließend von Gewissensbissen geplagt.

Richtig wohl fühlten sich auch die Schalker nicht, als sie 2014 den 1. FC Nürnberg in die 2. Liga schossen (4:1). Schließlich sind beide Klubs in Freundschaft fest verbunden. Der HSV sagte danke.

Unterlassene Hilfeleistung im Abstiegskampf:

1973 ließ sich der Wuppertaler SV, gerade in den UEFA-Cup eingezogen, in Hannover 0:4 abschlachten. Braunschweig stieg ab.

1980 verlor Uefa-Cup-Sieger Eintracht Frankfurt bei Aufsteiger Bayer Uerdingen mit 2:3 (33. Spieltag). Bayer blieb drin, dank des besseren Torverhältnisses gegenüber Hertha BSC. Deren Verteidiger Michael Sziedat wechselte dann nach Frankfurt und schmierte seinen neuen Kollegen gleich mal aufs Brot: “Wir hatten so gehofft, dass ihr uns helft.”

1983 ließen die Bayern die Saison austrudeln und verloren ihr letztes Heimspiel, zugleich das letzte Spiel von Paul Breitner, gegen den Sechzehnten Schalke mit 0:1. Kapitän Breitner tobte: “Ich kann mich nicht länger vor diese Mannschaft stellen.” Schalke kam in die Relegation, stieg dann trotzdem ab.

1988 ging Borussia Mönchengladbach am Betzenberg unter, wo sie öfter als jeder andere gewann. Das 5:2 rettete Kaiserslautern vor der Relegation, in die Nachbar Waldhof Mannheim musste.

1989 verlor Meister Bayern am 33. Spieltag plötzlich in Nürnberg (1:2). Und bis heute hält sich das Gerücht, er hätte es ganz gern getan. Wegen des gutnachbarschaftlichen Verhältnisses und der Hoffnung auf zwei ausverkaufte Derbys. Leidtragender: die Stuttgarter Kickers. Andere Gründe hatte wohl das 1:2 der Bayern 2015 in Freiburg. Denn ihr Trainer war nun Pep Guardiola und dessen Motto nach dem Titelgewinn hieß: “Bundesliga ist fertig!” Freiburg stieg trotzdem ab.

1995 hielt Schalke den kleinen Reviernachbarn VfL Bochum noch für eine Woche am Leben und verlor dort am 33. Spieltag unerwartet deutlich mit 1:5.

2013 blamierte sich Borussia Dortmund, das seit 2010 gleich achtmal (!) in der Endphase Abstiegskandidaten behilflich war, zuhause gegen Hoffenheim (1:2), das sich dank zweier Elfmeter von Sejat Salihovic zum Leidwesen von Fortuna Düsseldorf in die Relegation und dann in die nächste Bundesligasaison rettete.

Und wer hilft wem am letzten Spieltag der Saison 2019/20?

https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/06/bundesliga-wettbewerbsverzerrung-am-letzten-spieltag-eine-zeitreise

 

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