"Schmerzmittel gehören auf die Dopingliste"

"Schmerzmittel gehören auf die Dopingliste"

11. Juni 2020 Spordbild 0

Neven Subotic nahm kein Blatt vor den Mund. “Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird”, sagte der Abwehrroutinier von Union Berlin. Für die Spieler, fügte der 31-Jährige hinzu, sei es “nicht offensichtlich, welche Folgen es haben kann, darüber werden sie in der Regel auch nicht informiert”.

Eine alarmierende Aussage im Zuge der Recherchen von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion, die auf pillenkick.de und in der ARD-Doku “Geheimsache Doping – Hau rein die Pille” veröffentlicht wurden. Ebenso wie die Erkenntnisse der gemeinsamen Umfrage unter 1142 Amateurfußballern.

Auch Nationalspieler Matthias Ginter sprach bei SPORT1 offen über seine Erfahrungen mit Schmerzmitteln. “Ich hatte zu Anfang der Saison beim Länderspiel in Nordirland eine angebrochene Rippe und danach unfassbare Schmerzen. Ich wollte dann unbedingt am nächsten Bundesligaspieltag im Derby in Köln spielen und habe schließlich Ibuprofen genommen, weil es einfach brutale Schmerzen waren”, sagte der Verteidiger von Borussia Mönchengladbach bei Split It!, dem Instagram-Liveformat von SPORT1.

Die Umfrage und die Schmerzmittelbeichten schrecken auf. Wie verbreitet und gefährlich ist der Umgang mit Medikamenten im Fußball? Wo liegen die Gründe und was muss sich ändern? Jonathan Sachse, Leiter Correctiv.Lokal, beantwortet im SPORT1-Interview die wichtigsten Fragen.

SPORT1: Herr Sachse, wie ist es zu dem Projekt gekommen?

Jonathan Sachse: Wir von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion haben uns vor gut einem Jahr zusammengesetzt und überlegt, wie wir das Thema Medikamentenmissbrauch im Fußball bis hin zum Doping untersuchen können. Ich persönlich recherchiere schon seit Jahren zu dem Thema. Jetzt haben wir uns gesagt: Wir kooperieren und machen es einmal richtig.

SPORT1: Waren Sie von den Ergebnissen überrascht?

Sachse: In der Gesprächsreihe haben wir gemerkt, dass wir immer wieder beim Thema Schmerzmittel landen. Uns war schon klar, dass es ein Thema ist. Aber die Dimension ist uns erst durch die Gespräche so richtig klar geworden.

SPORT1: Was sind die Gründe, warum so viele Fußballer – von der Bundesliga runter zu den Amateurligen – so häufig auf Schmerzmittel zurückgreifen?

Sachse: Es gibt mehrere Gründe. Zum einen, überhaupt spielen zu können. Matthias Ginter hat das ja bei SPORT1 wunderbar beschrieben. Er hatte sich im Länderspiel eine Rippe angebrochen und hätte danach im Derby gegen Köln ohne Schmerzmittel nicht spielen können. Manche Spieler gaben aber auch an, eine bessere Leistung abrufen zu können, ohne Schmerzen. Manche nehmen auch Schmerzmittel prophylaktisch, damit sie sich besser fühlen oder einfach den Kopf frei haben.

SPORT1: Im Profifußball spielt sicher der finanzielle wie sportliche Druck eine große Rolle. Aber wie sieht es im Amateurbereich aus?

Sachse: Der finanzielle Druck ist dort zwar nicht so da, der sportliche aber schon. Auch für viele Amateurfußballer gilt: Das nächste Spiel ist das wichtigste. Und das wollen sie auf keinen Fall verpassen. Man will nicht der Typ sein, der sagt: Ich muss aussetzen. Manchmal sind es aber auch ganz alltägliche Dinge. Da waren Spieler abends unterwegs und am Spieltag brummt ihnen der Kopf.

SPORT1: Die Studie spricht auch von leistungssteigernden Effekten. Wie ist das zu verstehen?

Sachse: Die Internationale Doping-Agentur WADA definiert mehrere Grundsätze, sind davon zwei Kriterien erfüllt, gehört ein Mittel auf die verbotene Liste. In diesem Fall ist es erstens der gesundheitsschädigende Aspekt. Und zweitens die Leistungssteigerung. Beides ist unserer Ansicht nach gegeben, weshalb Schmerzmittel auf die Dopingliste gehören. Die WADA selbst sieht das im Moment nicht so, aber warten wir mal ab. Es gibt mehrere Experten, die sagen, dass viele Fußballer überhaupt nur in der Lage sind, auf dem Platz zu stehen, weil sie Schmerzmittel nehmen. Sonst müssten sie aussetzen oder könnten zumindest nicht 90 Minuten ihre Leistung abrufen.

SPORT1: Und wie steht es um die gesundheitlichen Schäden?

Sachse: Das Gefährliche ist, dass die Schäden zum Zeitpunkt der Einnahme nicht immer spürbar oder messbar sind. Schäden, die mittel- oder langfristig sein können. Es gibt ja das Beispiel Ivan Klasnic, dem eine Niere transplantiert werden musste und der gegen zwei Ärzte von Werder Bremen klagt. Im Zuge unserer Studie gab es Spieler, die von Leberschäden berichtet haben; Spieler, die auf dem Feld umgekippt sind; und natürlich die typischen Magenprobleme.

SPORT1: Was muss sich ändern?

Sachse: Der DFB sieht sich nach Aussage des Präsidenten Fritz Keller ja durchaus in der Verantwortung bei der Aufklärung und Sensibilisierung. Und in zwei Punkten wird der Verband schon konkreter. Einerseits sollen Amateurvereine durch Online-Schulungen aufgeklärt werden. Andererseits haben Gespräche begonnen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Darüber hinaus ist sicher die gesellschaftliche Perspektive wichtig. Es muss einen Anstoß geben, dass auch intern in der Kabine mit dem Trainer oder mit Mitspielern kritisch darüber gesprochen wird. Dass Spieler nicht nur ihre Harte-Jungs-Mentalität durchziehen, sondern ein Mitspieler sich auch mal traut und sagt: Heute schmeißt du mal keine Ibu ein, sondern machst mal Pause.

https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/06/schmerzmittel-gehoeren-auf-die-dopingliste-jonathan-sachse-im-sport1-interview

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