Düstere Vorwürfe erschüttern auch WWE

Düstere Vorwürfe erschüttern auch WWE

19. Juni 2020 Spordbild 0

Eine an #MeToo erinnernde Welle verstörender Erfahrungsberichte von Wrestlerinnen und anderer Frauen, die mit der Branche zu tun haben, erschüttert die Showkampf-Welt – und setzt auch WWE unter Zugzwang.

Der Marktführer wurde mit schweren Vorwürfen gegen einen Titelträger konfrontiert und hat eine Prüfung angekündigt. Der Ire Jordan Devlin – der im Januar zum Cruiserweight-Champion des NXT-Kaders gekürt wurde – wurde in einem Online-Post beschuldigt, einer Frau körperliche Gewalt angetan zu haben. Das mutmaßliche Opfer – das sein Profil inzwischen verschlüsselt hat – postete Bilder von Blutergüssen, die Devlin ihr zugefügt haben soll.

“Wir nehmen jede Anschuldigung dieser Art sehr ernst und untersuchen die Angelegenheit”, hielt WWE in einem Statement fest.

Vorwürfe gegen Jordan Devlin nur Spitze des Eisbergs

Die Vorwürfe gegen Devlin sind dabei aber nur die Spitze eines riesigen Eisbergs, der sich an diesem Donnerstag bei Twitter unter dem Hashtag #SpeakingOut aufgetan hat.

Zahlreiche Wrestler und andere männliche Vertreter der Szene werden dort des Missbrauchs verschiedener Art bezichtigt, im Zentrum stand dabei zunächst vor allem Großbritannien.

Mehrere Promotions haben erste Konsequenzen gezogen und sich von dem prominenten Independent-Wrestler David Starr getrennt, gegen den besonders schwere Vorwürfe im Raum stehen – unter anderem der der Vergewaltigung.

David Starr von mehreren Ligen ausgebootet

Eine frühere Partnerin des US-Amerikaners Starr, eines vor allem in Europa profilierten Wrestlers, war via Twitter mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit gegangen, dass der 29-Jährige mehrere Partnerinnen körperlich und emotional misshandelt hätte: “Du vergewaltigst Frauen und verübst dann Gaslighting”, schrieb sie (“Gaslighting” – benannt nach dem Filmklassiker “Gaslight” (“Das Haus der Lady Alquist”) bezeichnet eine Form der Manipulation, bei der Opfer von Tätern dazu gebracht werden, die Realität anzuzweifeln).

Starr reagierte zunächst mit mehreren Statements, in der er die Vorwürfe in dieser Form zurückwies, dabei aber anerkannte, dass er “ein fürchterlicher Partner” gewesen sei und etwas begangen haben könnte, was er als “gray rape” einordnete, einen Akt in einem vermeintlichen Graubereich zwischen einvernehmlichen Sex und Vergewaltigung. Eine Bitte um Entschuldigung wurde von der Ex-Partnerin nicht angenommen, mittlerweile hat Starr sein Twitter-Profil gelöscht.

Drei britische und irische Ligen (OTT, Revolution Pro, TNT Extreme), bei denen Starr Titel hielt, haben erklärt, dass sie ihm diese Titel aberkannt hätten und nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollen. Die deutsche Liga wXw (Westside Xtreme Wrestling), in der Starr ebenfalls lange eine tragende Rolle gespielt hatte, hatte sich vor kurzem aus anderen Gründen von ihm getrennt.

#SpeakingOut zeichnet verheerendes Sittenbild

Der Wirbel um Starr scheint der Hauptauslöser zu sein für das, was folgte: Zahlreiche weitere Frauen brachten ihre negativen Erfahrungen mit Vertretern der Wrestling-Welt vor – wobei sich die Mehrzahl zunächst auf die britisch-irische Szene bezog. Die Bandbreite der Vorwürfe: Sexismus, sexuelle Belästigung (direkt oder durch Social-Media-Nachrichten), unangemessener Umgang mit Minderjährigen, Ausübung von psychischem Druck, Ausbeutung, körperliche Gewalt.

Mehrere international bekannte Wrestlerinnen wie Big Swole (aktiv beim WWE-Rivalen AEW) und Kylie Rae (die AEW unter rätselhaften Umständen verlassen hatte) stützen das verheerende Sittenbild einer toxischen Männerwelt. Auch die deutsche Wrestlerin Jazzy Gabert, die im vergangenen Jahr kurz Teil des WWE-Englandkaders NXT UK war, äußerte sich vielsagend (“Und die Leute wundern sich, warum ich gegangen bin”).

Neben vielen Fans bekundeten auch diverse weibliche und männliche WWE-Stars – unter ihnen Paige, der frühere UK-Champion Pete Dunne und Big E von The New Day – ihr Entsetzen über die veröffentlichten Storys und bestärkten die Frauen, ihre Geschichten zu teilen und damit ein Ende der Missstände in Gang zu setzen.

Zieht WWE Konsequenzen bei NXT UK?

In Bezug auf WWE könnten die Offenbarungen nicht nur für Devlin Folgen haben: Auch gegen andere namentlich genannte Wrestler von NXT UK werden unter #SpeakingOut Vorwürfe erhoben.

Anders als die anderen WWE-Kader liegt NXT UK seit Beginn der Corona-Pandemie auf Eis, der von Devlin getragene Titel wurde wegen der für ihn geltenden Reisebeschränkungen bereits im US-Kader von NXT in einer Interims-Version neu ausgefochten (wobei sich schon vor den Vorwürfen gegen Devlin andeutete, dass Turniersieger Santos Escobar ihn nun doch schlicht abgelöst haben könnte).

Das Projekt NXT UK, bei dem der Österreicher WALTER aktuell als Champion amtiert und bei dem auch die anderen deutschsprachigen Wrestler Alexander Wolfe, Marcel Barthel, Fabian Aichner, Ilja Dragunov und Oliver Carter aktiv waren, genießt firmenintern gerade offensichtlich nicht höchste Priorität.

Die aktuellen Schlagzeilen werden vor diesem Hintergrund nicht nur diejenigen in Unruhe versetzen, die unmittelbar davon betroffen sind.

https://www.sport1.de/kampfsport/wrestling/2020/06/wwe-geht-vorwuerfen-nach-speakingout-erschuettert-wrestling-welt

 

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