Die schlechtesten Schalker aller Zeiten

Die schlechtesten Schalker aller Zeiten

7. Juni 2020 Spordbild 0

Das Wiedersehen mit Union Berlin am Samstag weckt bei vielen Schalke-Fans wehmütige Erinnerungen.

2001 war es, als sie sich erstmals in einem Pflichtspiel in Berlin gegenüberstanden. Nicht in Unions Köpenicker Heimat an der Alten Försterei, sondern im großen Olympiastadion. Das ungleiche Duell im Pokalfinale zwischen dem “Meister der Herzen“ und einem Aufsteiger in die 2. Liga markierte einen Meilenstein in der Klubgeschichte – es war der erste nationale Titel nach 29 Jahren.

Und es war die Hochzeit der goldenen Stevens-Ära, als Schalke in der Bundesliga auch mal um die Schale spielte und regelmäßig in Europa vertreten war. All das liegt vor dem Auftritt bei Union – nun doch in der Alten Försterei – in weiter Ferne.

Einen Meilenstein können auch die Schalker von 2020 setzen, bloß scharf sind sie nicht darauf: Nach mittlerweile elf sieglosen Bundesligaspielen können sie nun das dreckige Dutzend vollmachen – und damit den Vereinsrekord von 1993 einstellen. Zur verkorksten Saison von vor 27 Jahren gibt es auffällige Parallelen. Ein Rückblick auf die schlechtesten Schalker aller Zeiten in der Bundesliga.

Dafür wurde Schalke geliebt – und belächelt

In der Wendezeit erlebte Schalke noch mehr Turbulenzen als sonst. Nach dem Abstieg 1988 hatte man drei Jahre in der 2. Liga verbracht und mit Peter Neururer Ende 1990 sogar einen Trainer gefeuert, der auf einem Aufstiegsplatz stand. Es war eben die Ära Eichberg.

Der schwerreiche Geschäftsmann (Besitzer mehrerer Kliniken) stand gern im Rampenlicht und der beliebte Neururer nahm ihm etwas zu viel Sonne. Legendär auch, wie Eichberg die Beerdigung von Klub-Legende Ernst Kuzorra wiederholen ließ, weil er seinen Flieger verpasst hatte. Den Vertrag mit Trainer-Legende Udo Lattek skizzierte er 1992 auf einem Bierdeckel.

So waren die Zeiten damals, dafür liebte man Schalke und belächelte es zuweilen. Der DFB lachte weniger, als er wieder mal die Finanzen prüfte. 1993 hatte der Klub vor der dritten Saison nach dem Wiederaufstieg drei Millionen DM mehr ausgegeben als im Etat verzeichnet und musste deshalb lange um die Lizenz zittern.

Hohe Schulden (angeblich 16 Mio. DM) drückten die Königsblauen damals, das ist die erste Parallele zu heute. Doch während Aufsichtsratschef und Mäzen Clemens Tönnies die Stellung hält, suchte Eichberg im Oktober 1993 das Weite. Da regierte auch sportlich längst das Chaos. Die Verantwortung trug der unerfahrene Trainer Helmut Schulter, dem man nach dem Aufstieg mit St. Pauli Wunderdinge nachsagte.

Durchaus vergleichbar mit dem Coup des David Wagner mit Huddersfield. Schulte war erst 35 Jahre, als er in die Saison 1993/94 startete und ihn plagte – Sachen gibt’s – ein Torwartproblem. Zwar hatten weder Oldie Holger Gehrke noch Supertalent Jens Lehmann ein Angebot von den Bayern, aber Nerven zeigten sie trotzdem.

Lehmann: “Ich habe nicht darauf hinintrigiert”

Selbst die Kapitänsbinde bewahrte Gehrke nicht vor einigen Patzern und so setzte Schulte ihn nach dem 5. Spieltag auf die Bank, für ihn spielte der 23-jährige Jens Lehmann. Da lief die Schreckensserie schon. Schalke hatte vier der ersten fünf Spiele verloren, aber das wichtigste des Jahres am 2. Spieltag gewonnen. Das 1:0 gegen Dortmund hielt Schulte noch im Amt.

Lehmann sollte ihm dabei helfen, doch das Umfeld war skeptisch. Deutschlands Nummer 1 beim Sommermärchen hatte einen schweren Stand. Er war zwar schon über fünf Jahre auf Schalke und Torwart der Aufstiegsmannschaft von 1991, aber eine Lobby hatte er nicht. Bei seinem Comeback im September hatten ihn die Fans bereits mit höhnischen “Gehrke”-Rufen empfangen und es gab ein 1:3 gegen Tabellenführer Eintracht Frankfurt.

Lehmann, dessen Verhältnis zu Gehrke als leicht gestört galt, bemühte sich zu betonen: “Ich habe nicht darauf hinintrigiert.” Gehrke grummelte nur, er könne Schultes Entscheidung “nicht hundertprozentig nachvollziehen.” Da war sie also, die Torwart-Baustelle, die wohl zu einer echten Schalker Krise gehört.

Es folgte ein Pokalspiel gegen die Bayern, bei dem sich Lehmann eine Flanke einfing und die Debatten wieder anfachte. “Einen Fehler wird man sich doch erlauben dürfen?”, fragte er rhetorisch und Schulte gab ihm recht: “Jens bleibt im Tor und damit Schluss.” Zu seinem 36. Geburtstag am 14. September gab Schulte trainingsfrei und wünschte sich von den Spielern “Punkte”.

Der Wunsch ging ins Leere und als man im Kellerderby dem befreundeten 1. FC Nürnberg zuhause mit 1:2 unterlag, war Schalke erstmals Letzter. Und das, obwohl Dynamo Dresden mit vier Minuspunkten in die Saison gegangen war. Es wurde immer unruhiger auf Schalke, auch weil vor der Jahreshauptversammlung am 4. Oktober ein Antrag auf Eichbergs Abwahl eingegangen war.

Putsch gegen Eichberg fiel aus

Den unterfütterte die Mannschaft mit weiteren Misserfolgen. Es folgten Unentschieden in Karlsruhe (0:0) und zuhause gegen Meister Werder (1:1), die eigentlich respektabel waren, aber in der Situation nicht weiter halfen. Vor der JHV war Schalke bereits acht Spiele sieglos und immer noch Letzter. Dort fiel der Putsch gegen Eichberg aus und er spuckte wieder große Töne.

Schulte versprach er, dass eine Niederlage gegen Aufsteiger Freiburg “gar keine Auswirkungen” hätte, vielmehr sei die Mannschaft “zu 80 Prozent” am Dilemma schuld. Auch daran, dass das Park-Stadion nur noch halbvoll war bei normalen Spielen. Kein Wunder, wenn man nur Niederlagen kredenzt bekommt. Das 1:3 gegen Freiburg war schon die vierte der noch jungen Saison und die letzte für Schulte.

Dessen Rauswurf erwarteten längst alle, schon kurz nach dem Spiel säuselte Sat1-Moderator Jörg Wontorra: “Lieber Helmut Schulte, bei uns sind Sie immer herzlich willkommen.” Schulte war zuvor Mitarbeiter bei dem Sender gewesen, der damals die Bundesligarechte hielt. Manager Rudi Assauer befand zur Trainerfrage nur: “Zur Zeit bin ich Rudi Ratlos.”

Am Sonntag wussten sie dann Rat und setzten Schulte vor die Tür um den Mann zu holen, den damals alle holen wollten wenn ein Feuerlöscher gebraucht wurde. Jörg Berger hatte schon Frankfurt und Köln vor dem Abstieg gerettet, nun wurde ihm Schalke anvertraut. Er wechselte mitten ins Chaos. Sechs Tage nach seinem Amtsantritt warf Eichberg unter dem Eindruck schwerer Vorwürfe (Misswirtschaft, Betrug), die der Spiegel publiziert hatte, hin.

Das brachte Berger nicht von seinem Weg ab und er präsentierte seine altbekannten Parolen: „Da muss wieder Feuer rein. Ich erwarte dass sie die Ärmel hochkrempeln. Angst im Fußball habe ich noch nie gehabt. Wir brauchen die Fans und die Fans sollen sehen, dass wir hart arbeiten.“

Lehmanns Heimfahrt in der S-Bahn 

Als nächstes sahen sie eine verheerende 1:5-Pleite in Leverkusen und einen legendären Torwartwechsel. Es war das Spiel, bei dem Jens Lehmann nach seiner Auswechslung zur Halbzeit mit der S-Bahn nach Hause fuhr.

Die Pfiffe hatten Wirkung gezeigt. Lehmann machte vor der Pause einen unsicheren Eindruck und die hochkarätig besetzte Offensive der Leverkusener profitierte reichlich davon: Ulf Kirsten, Paulo Sergio und erneut Kirsten schossen Bayer binnen sieben Minuten – zwischen der 20. und 27. Frühzeitig auf die Siegerstraße. Ein 0:3 konnte dieses Schalke nicht aufholen, es ging nur noch um Schadensbegrenzung.

Als die Schalker in die Kabine trotteten, blieb Holger Gehrke draußen und ließ sich warm schießen: Torwartwechsel, für Lehmann war sein 52. Bundesligaspiel vorzeitig beendet. Jörg Berger sagte der Presse: “Ich habe ihm gestattet, mit seinem Bruder sofort nach Hause zu fahren. Er war so down. Einen Torwart in solcher Situation muss man schützen, auch vor falschen eigenen Reaktionen.”

Da der Bruder aber nicht da war, trottete Lehmann zur nah gelegenen S-Bahn, die ihn ins heimische Essen brachte. Das Fahrgeld lieh er sich von einem frustrierten Fan, der ebenfalls heim wollte. Auch für solche Geschichten liebt man Schalke. Auf den Berger-Effekt mussten sie noch etwas warten, gegen Dresden gab es zwar 14:0 Chancen, aber wieder keinen Sieg (0:0), beim VfB Stuttgart eine 0:3-Schlappe. So musste der Spielplan helfen, der am 5. November den überforderten Aufsteiger VfB Leipzig ins Park-Stadion dirigierte.

Und für den reichte es noch. Dieter Eckstein mit einem Doppelschlag und Ingo Anderbrügge schossen einen 3:1-Seg heraus. Dreizehn schlug es also nicht, damals im Herbst 1993. Auch nach dem Sieg war Schalke noch Letzter, doch die Mannschaft, in der schon acht Euro-Fighter (Uefa-Cup-Sieger 1997) standen, fand noch aus der Krise. Auch weil der talentiertere Torwart (Jens Lehmann) seinen Platz im Tor zurückbekam.

https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/06/schalke-04-jens-lehmann-und-co-warten-1993-94-zwoelf-spiele-lang-auf-einen-sieg

 

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