Bailey: "Ich weiß, was es heißt, kaum Geld für Essen zu haben"

Bailey: "Ich weiß, was es heißt, kaum Geld für Essen zu haben"

4. Juni 2020 Spordbild 0

An das Hinspiel beim FC Bayern erinnert sich Leon Bailey gerne zurück. Der Flügelflitzer trug im November mit einem Doppelpack zum 2:1-Sieg von Bayer Leverkusen in der Allianz Arena bei.

Nur zu gerne würde der 22-jährige Jamaikaner das im Rückspiel am Samstag (Bundesliga: Bayer Leverkusen – FC Bayern München am Sa. ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) wiederholen.

Vor dem Topspiel des 30. Spieltags spricht Leon Bailey im SPORT1-Interview über eine Achterbahn-Saison mit Toren, Verletzungspech und zwei Roten Karten sowie Rassismus-Erfahrungen und seinen großen Traum.

SPORT1: Herr Bailey, am Samstag empfangen Sie mit Bayer den FC Bayern. Welche Erinnerungen haben Sie an das Hinspiel? 

Leon Bailey: Definitiv nur gute. Es sind die besten Erinnerungen, die ich als Fußball-Profi in der jüngeren Vergangenheit hatte. 

SPORT1: War das Ihr bestes Spiel in dieser Saison? 

Leon Bailey: Ich würde sagen, dass es mein bestes Spiel in dieser Saison war, ja! Es kamen viele Dinge zusammen. Zwei Tore in der Allianz Arena in München zu schießen, davon träumt man als junger Spieler. Dann auch noch dort zu gewinnen, beim FC Bayern, das ist großartig. Das war ein unvergessliches Gefühl und sehr besonders für mich. Daran werde ich mich wohl immer zurückerinnern. 

SPORT1: Beide Mannschaften haben einen Lauf. Sie haben mit Bayer 15 der letzten 18 Pflichtspiele gewonnen, die Bayern gar 16 der letzten 18 Partien – erleben wir ein richtiges Spitzenspiel? 

Leon Bailey: Mit Sicherheit. Es treffen zwei sehr gute Mannschaften aufeinander. Wichtig ist vor allem, dass wir unseren eigenen Fußball spielen. Bayern ist ein großartiges Team, das mit viel Hingabe und Leidenschaft auftritt. Wir glauben aber an uns. Schade, dass dieses tolle Spiel ohne Fans ausgetragen wird. Wenn wir unsere Anhänger im Rücken hätten, wäre das großartig. Wir haben die Bayern in den letzten beiden Ligaspielen ja geschlagen. Mal schauen, was diesmal geht. 

SPORT1: Sie sprechen die fehlenden Fans an. Wie ist es für Sie, vor leeren Rängen zu spielen? 

Leon Bailey: Es wird das fünfte Spiel für uns sein. Ein Problem ist es nicht, aber natürlich ist das komisch. Ich habe in meiner Karriere vorher nie in einem leeren Stadion gespielt. Es ist nicht das Gleiche ohne Fans. Wir pushen uns aber trotzdem und machen das ja auch für die Fans, die uns jetzt vor dem TV die Daumen drücken.

“Sogar in Jamaika Zuschauer auf den Bolzplätzen”

SPORT1: Elf gegen Elf. Das reine Spiel, ohne Fans. Fühlen Sie sich in diesen Tagen an Ihre Anfangszeit auf den Bolzplätzen in Jamaika zurückerinnert?  

Leon Bailey: Das nicht unbedingt. Sogar in Jamaika hatten wir Zuschauer auf den Bolzplätzen. Hier ist ja jetzt niemand da, außer ein paar wenige Medienvertreter und Offizielle. Das ist schon komisch. 

SPORT1: Sie erleben eine Achterbahn-Saison. Sie haben in 18 Ligaspielen fünf Tore erzielt und zwei Assists gegeben, fehlten allerdings acht Spiele wegen immer wieder aufkehrender Muskelprobleme.  

Leon Bailey: Die Saison verläuft für mich voller Aufs und Abs. Klar ist aber auch: Es gibt keine direkte Linie auf dem Weg zum Erfolg. Du musst durch genau diese Täler gehen, um besser zu werden. Ich bin fit und fokussiert, und auf einem guten Weg, dorthin zu kommen, wo ich eigentlich sein will. Das letzte Spiel gegen Freiburg hat mir wieder Vertrauen gegeben. 

SPORT1: In Freiburg standen Sie seit vier Spielen mal wieder in der Startelf und haben den 1:0-Siegtreffer durch Kai Havertz vorbereitet. Bei wie viel Prozent sind Sie aktuell mit Blick auf Ihr absolutes Leistungsvermögen?  

Leon Bailey: Ich kann Ihnen nicht sagen, bei wie viel Prozent meiner Leistungsfähigkeit ich bin. Fakt ist jedenfalls, dass ich mental und körperlich bei 100 Prozent bin. Und das ist wichtig. Ich bin bereit, wieder alles zu geben. 

SPORT1: Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie ein Vermächtnis für die junge Generation hinterlassen wollen. Ist das nicht eine hohe Bürde, die Sie sich da selbst auferlegen? 

Leon Bailey: Das habe ich bewusst so gesagt. Das ist ein Traum von mir und das wird auch immer so bleiben. Dafür arbeite ich täglich hart. Dieses große Ziel hängt sicher auch damit zusammen, wo ich herkomme. Ich komme aus armen Verhältnissen in Jamaika. Ich weiß, was es heißt, kaum Geld für Essen und tägliche Einkäufe zu haben. Ich möchte die jungen Leute in meiner Heimat inspirieren. Ich möchte ihnen Hoffnung geben und den nötigen Glauben schenken. Sie können ihre Träume erreichen und Dinge verändern, wenn sie es wollen. Das möchte ich ihnen zeigen. 

“Musste lernen, meine Emotionen zu kontrollieren”

SPORT1: Sie flogen in dieser Saison gegen Gladbach und Köln vom Platz und sind der einzige Spieler, der im laufenden Wettbewerb zwei Rote Karten gesehen hat. Haben Sie daraus gelernt? 

Leon Bailey: Selbstverständlich. Ich habe meine Lehren daraus gezogen. Ich habe diese Roten Karten sehr bereut, weil sie mir und vor allem der Mannschaft geschadet haben. Dafür habe ich mich entschuldigt. Das wird mir nicht mehr passieren. Es waren meine ersten Rote Karten überhaupt. Wissen Sie, ich hatte mit vielen Verletzungen und Rückschlägen in dieser Saison zu kämpfen, und wollte danach einfach zu viel und zu schnell. Ich musste lernen, meine Emotionen zu kontrollieren. Ich habe gelernt, besser mit diesen Situationen umzugehen. Sollte ich mich noch einmal verletzen, dann weiß ich ganz genau, wie ich mit meinem Körper und wie ich auch mental damit umzugehen habe. 

SPORT1: Was macht Sie in schwierigen Momenten stark? Woraus ziehen Sie Ihre Kraft? 

Leon Bailey: Meine Motivation ziehe ich aus der Anwesenheit meiner Familie. Sie um mich herum zu haben, das bedeutet mir sehr viel. Ich denke oft an meine Familie und meine Freunde in Jamaika. Auf meinen Schultern lastet schon Druck, weil ich vielen Leute zuhause helfen möchte. Ich habe eine große Verantwortung. Das spornt mich aber eher an.

SPORT1: Haben Sie eigentlich oft Heimweh? 

Leon Bailey: Heimweh? Nein. Ich lebe ja jetzt schon seit einigen Jahren in Europa und habe mich an die Lebensweise hier gewöhnt. Jamaika besuche ich aber natürlich, wann immer ich kann.  

SPORT1: Wir haben gehört, dass Sie den Menschen in Jamaika während der Corona-Krise geholfen haben. Erzählen Sie uns, was es damit auf sich hat? 

Leon Bailey: Wir haben vor allem den älteren Menschen geholfen. In Jamaika gab es die Regel, dass Menschen über 45 Jahre zu Hause bleiben müssen, weil sie anfälliger sind für eine Infektion. Wir haben ungefähr 1000 Lebensmittel-Pakete innerhalb von zwei Wochen auf fünf verschiedene Gemeinden verteilt. Wir wollen den Menschen mit einfachen, aber wichtigen Dingen helfen.

Bailey über Probleme mit Jamaikas Verband

SPORT1: Fühlen Sie sich als Fußball-Profi, der viel Geld verdient, dazu verpflichtet? 

Leon Bailey: Nein. Ich muss das nicht machen. Aber wie ich vorhin bereits meinte, weiß ich ganz genau, was es bedeutet, kaum Geld zu haben. Ich weiß, was die Menschen dort durchmachen.  

SPORT1: Sie haben mittlerweile sechs Länderspiele für Jamaika bestritten. Lange war unklar, ob Sie überhaupt jemals für Ihr Land auflaufen. Es gab Streit zwischen Ihnen und Ihrem Adoptivvater Craig Butler und dem Verband.  

Leon Bailey: Ich liebe Jamaika und die Menschen dort. Mit dem Verband gab es allerdings Probleme seit ich zehn oder elf Jahre alt bin. Es ist nichts Neues. Wir sind jedoch alle erwachsene Menschen und werden das schon lösen. Ich will meiner Nation helfen. 

SPORT1: Im Alter von zwölf Jahren kamen Sie von der Phoenix Academy in Kingston nach Österreich. Sie sind jetzt fast zehn Jahre in Europa. Was ist europäisch an Ihnen und was jamaikanisch? 

Leon Bailey: Disziplin und Pünktlichkeit, das ist europäisch an mir. Aber sonst überwiegt das Jamaikanische. Ich trage meine Kultur immer in mir. Ich bin immer gut gelaunt, denke positiv und tanze gerne.  

SPORT1: Ihre Teamkollegen sagen tatsächlich, dass Sie ein guter Tänzer sind.   

Leon Bailey: Es wäre toll, wenn wir eine Party in der Kabine nach dem Spiel feiern könnten. Dann zeige ich den Jungs ein paar Tänze (lacht). Aber zuerst müssen wir uns konzentrieren und das Spiel total fokussiert angehen. 

Rassismus? “Es tut mir im Herzen weh”

SPORT1: Am letzten Spieltag haben Ihre Bundesliga-Kollegen Jadon Sancho, Marcus Thuram, Achraf Hakimi und Weston McKennie ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Welche Erfahrungen haben Sie mit Rassismus? 

Leon Bailey: Rassismus ist mir leider auch schon oft widerfahren. Ich bin aber ein Typ, der das eher ausblendet. Ich möchte das einfach nicht an mich ranlassen und keine negativen Gefühle zulassen. Ich möchte voller Freude sein und Spaß haben. Deshalb blende ich das alles aus. Das ist mein Weg, damit umzugehen. Natürlich ist das schlimm, was gerade in den USA passiert. Wir sind im Jahr 2020 und dennoch gibt es das. Ich sehe solche Videos und es tut mir im Herzen weh. Ich spreche mich deshalb zu 100 Prozent gegen Rassismus aus.  

SPORT1: Mit Bayer sind Sie noch in allen drei Wettbewerben drin. Im Halbfinale des DFB-Pokals treffen Sie am 9. Juni auf Saarbrücken. Wie groß ist die Chance für Bayer auf einen Titel in diesem Jahr? 

Leon Bailey: Es sind noch zwei Schritte. Wir haben die große Möglichkeit, einen Titel zu holen. Es wäre großartig, wenn wir das Endspiel erreichen. Viele sagen, dass wir schon drinstehen. Aber das sind wir nicht. Wir müssen da alles reinhauen, auch wenn der Gegner in der Regionalliga spielt. Sollten wir das Finale erreichen, dann haben wir eine Riesenchance und müssen unser Herz in die Hand nehmen. Mein aktuell größter Wunsch ist es, dass wir die Trophäe gewinnen. Ich will diesen Team-Titel unbedingt. Ich habe viele persönliche Auszeichnungen, aber so ein Titel fehlt noch. 

SPORT1: In Leverkusen haben Sie noch einen Vertrag bis 2023. Sie werden immer wieder mit einem Transfer in die Premier League in Verbindung gebracht. Was passiert nach dem Sommer? 

Leon Bailey: Ich möchte die Saison so gut wie möglich beenden. Diesem Ziel gilt meine volle Konzentration.

https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/06/leon-bailey-von-bayer-leverkusen-im-persoenlichen-exklusiv-interview

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